Die Geschwindigkeit der Liebe

Seit geraumer Zeit mache ich mir darüber Gedanken, dass ich offenbar anders zu lieben scheine, als viele andere Menschen. Ich „verliebe“ mich teilweise erstaunlich schnell in einen Menschen, oft lange bevor dieser etwas Ähnliches für mich empfindet, und ich komme mir dabei immer wahnsinnig blöd vor. Ich lade euch ein, mich auf meiner Reise der Selbstreflexion über das Thema „Wo beginnt verlieben und wie schnell darf es gehen“ zu begleiten. Ich möchte hier am Ende auch das Thema ansprechen, dass viele Männer oft auf Frauen den Eindruck machen, sich schon Hals über Kopf verliebt zu haben, ohne sie überhaupt zu kennen. Wer meine Darlegung, wie es mir selbst damit geht, gerne überspringen würde, kann unten ab der Überschrift „Und die anderen?“ weiterlesen.


Eigentlich verliebe ich mich gar nicht so leicht. Um ein paar Dinge vorab zu klären: Ich bin heterosexuell (soweit es eben geht – das Ganze ist meiner Meinung nach nämlich ohnehin ein Kontinuum ohne 100%ige Ausprägungen auf die eine oder andere Seite) und interessiere mich vor allem in Hinsicht auf Liebesbeziehungen ausschließlich für Frauen, da ich mit dem Charakter der meisten Männer absolut nichts anfangen kann. Einige Ansichten dazu kann man in meinem vorherigen Blogpost „Ich war nett, darum habe ich mir dich verdient!“ nachlesen. Außerdem leben ich und meine Freundin polyamor, es ist von Liebe über Sex und Freundschaft alles erlaubt, was man mit einem Menschen teilen kann.

Mein ganzes Leben ist bestimmt von Logik, Vernunft und dem unbeschreiblich intensiven Willen, die Menschen, die Welt und das Universum um mich herum zu verstehen. Ich möchte die tiefsten Geheimnisse des Verstandes erforschen, die Biologie des Lebens verstehen, die subatomare Natur der Materie ergründen und den Kosmos, der uns umgibt, begreifen. Ich hatte nicht unbedingt eine leichte Kindheit – sicher leichter als viele andere, aber ich habe mich eigentlich durch die Bank hauptsächlich einfach sehr, sehr alleine gefühlt. Die meiste Zeit meines Lebens – bis ich vor zwölf Jahren meine absolut wunderbare Freundin kennengelernt habe – gab es für mich nur eine einzige Gewissheit im Universum, und das war mein eigener Verstand.

Auch wenn es schon wieder total arrogant klingt, aber mich interessieren tatsächlich die meisten Menschen wenig, vor allem nicht als potentielle Partner für Liebesbeziehungen. Ich tue mich sehr schwer damit, eine Frau zu finden, die meinen Ansprüchen an Intelligenz, Bildung, Stärke und vielem anderen genügt. Dementsprechend schwer wiegt es für mich, wenn ich tatsächlich mal so eine Person gefunden habe. Eine Frau, die wahnsinnig intelligent ist, gebildet und neugierig, die stark und unbeugsam ist, aber auch selbstreflektiert und empathisch, die wunderschön ist auf eine Weise, die jede Norm transzendiert.

Mein ganzes Leben lang haben mich allerdings die meisten Frauen einfach völlig ignoriert. Interessiert sich so eine Frau also tatsächlich für mich, spricht mit mir und versteht sich mit mir, kann es geschehen, dass die Verbindung, die ich zu ihr gespürt habe, wie durch eine riesige Linse auf einmal gebündelt und tausendfach verstärkt wird. Auf einmal wird tief in mir ein Feuer erweckt, das alle Zweifel hinfort brennt, das die Fesseln meines Geistes zu Schlacke schmilzt und alles andere um mich herum zu Asche verwandelt.


Manch einer wird sich an dieser Stelle denken „So what? Bist ja sicher nicht der einzige, der so ist!“ oder eventuell auch „Typisch Kerl, zwischen Null und 100 gibt es mal wieder überhaupt nichts“. Ich möchte auf beides eingehen.

Natürlich bin ich nicht der einzige Mensch auf der Welt, der so empfindet – darum schreibe ich ja auch darüber, weil ich auch Parallelen zum Verhalten anderer Menschen suchen möchte. Unter anderem weiß ich, dass es vielen Männern wie mir geht – aber darauf, welche Gefahr dieses Gefühl vielleicht von uns Männern ausgehen lässt, möchte ich nachher nochmal gesondert eingehen.

Ja, es klingt so, als würde ich von einer Sekunde auf die andere jemandem grundlos völlig verfallen. Für mich ist es aber weder von einer Sekunde auf die andere, noch grundlos. Mir passiert das nur bei Frauen, die ich ohnehin schon länger kenne und die ich daher einigermaßen einschätzen kann, das entsteht also alles andere als im luftleeren Raum. Ich möchte hier ein wenig mehr ausholen, auch wenn ich dabei sicher allerlei Hass und Unverständnis auf mich ziehe:

Wie gesagt, die einzige Konstante meines Lebens ist meine Intelligenz – das ist etwas, das mir niemand nehmen kann. Ich weiß (dank mehrfacher psychologischer Bescheinigung), dass ich mich in dieser Hinsicht wirklich außerordentlich weit von den meisten anderen Menschen entfernt befinde. Ich sage das normalerweise nie jemandem, weil ich diese bescheuerte Bescheidenheit verinnerlicht habe, dass das etwas wäre, mit dem ich auf jeden Fall und unbedingt hinterm Berg zu halten habe. Bis auf meine Freundin, meinem damaligen besten Schulfreund und meinen Eltern weiß eigentlich niemand davon. Aber auf dieser Seite der Glockenkurve ist es leider sehr, sehr einsam.

Die meisten Menschen finden mich sehr nett, weil ich auch nett bin. Ich sehe keinen Grund irgendeinem Menschen geringschätzig zu begegnen, auch wenn er sich in mancherlei Hinsicht vielleicht auf einem anderen Niveau bewegt – das gibt mir ja noch lange nicht das Recht, mich über jemanden zu erheben. Meine Partnerfindung ist trotzdem durch das teilweise sehr unterschiedliche Niveau natürlich beeinflusst. Schon alleine darum dauert es sehr lange, bis ich eine Frau wirklich für eine Beziehung interessant finde.

Wenn ich aber jemand entsprechendem begegne, sind logischerweise schon sehr viele Bedingungen erfüllt für mich. Wenn dazu wie gesagt noch andere Punkte kommen, wie ein menschenfreundliches, zugewandtes Wesen, dann ist es tatsächlich schnell um mich geschehen. Allerdings würde ich das definitiv nicht „Liebe“ oder „verliebt sein“ nennen, sondern vielleicht eher abgeschwächt „verschossen sein“ oder „schwärmen“. Denn natürlich ist es (noch) keine Liebe, sondern erst einmal eine (zugegebenermaßen sehr, sehr intensive) Schwärmerei.


Und ich komme mir dafür unendlich dumm vor. Ich verstehe, dass die meisten Frauen sehr vorsichtig damit sind, sich zu verlieben, denn zu viele Unwägbarkeiten, zu viele Gefahren stecken darin, sich einfach jemandem unbedacht um den Hals zu werfen. Man will jemanden kennenlernen, verstehen lernen, lieben lernen, und vermutlich auch abschätzen können, ob von jemandem eine Gefahr ausgeht.

Das alles muss ich natürlich nicht, denn ich bin ein gebildeter weißer, hetero-cis-Mann. Was soll mir schon passieren? Aber für Frauen sind viele Gefahren tatsächlich real. Es ist tatsächlich ein gewaltiges Privileg, dass ich in der Lage bin, mich einfach so spontan „fallen zu lassen“. Und glaubt mir, ich verstehe es wirklich so gut, dass es für mein Gegenüber bei weitem nicht so einfach ist wie für mich. Und ich frage mich dann auch selbst oft: Bin ich blind? Bin ich blöd? Sehe ich irgendwas nicht? Überidealisiere ich? Renne ich sofort jeder nach, die mir Aufmerksamkeit und Beachtung schenkt? Bin ich ein pawlowscher Hund, der beim Glockenklang sofort zu sabbern anfängt?

Soviel ich darüber nachdenke, ich habe keine Antwort darauf. Ich weiß es einfach nicht, begreife mich selbst nicht. Aber die Schwärmerei fühlt sich so rein an. Und das Ziel meiner Schwärmerei ist nie austauschbar. Es geht mir immer um genau diese eine, bestimmte Frau, die für mich im Gegensatz zu vielen anderen so viele positive Eigenschaften in sich vereint und mein Herz so unfassbar tief berührt. Und dennoch fühlt es sich so asymmetrisch an.

Ein Beispiel: Ich lernte vor einigen Jahren im Studium eine Frau kennen, mit der ich fortan beinahe jeden Tag in Vorlesungen und Seminaren verbrachte. Wir sorgten dafür, dass wir jedes Semester in derselben Kleingruppe landeten. Wir haben zusammen gelernt, miteinander geredet, waren oft miteinander essen oder einen Kaffee trinken, später habe ich sie ein paar Mal zu mir eingeladen und sie mich zu sich. Ich muss an dieser Stelle allerdings zugeben, dass ich mich mit der Zeit ernsthaft in sie verliebt habe, das war schon weit keine Schwärmerei mehr. Wir waren dann eines Tages gemeinsam in der Therme baden, und ich hab sie nachdem wir uns körperlich den ganzen Tag schon immer näher gekommen sind gefragt, ob ich meinen Arm um sie legen darf, was sie sofort bejaht hatte. Diese halbe Stunde, in der sie an mich gekuschelt in meinem Arm lag und die Sonne feuerrot über dem Schwefelbecken untergegangen ist, war für mich eine halbe Stunde beinahe perfekter Ruhe, Ausgeglichenheit und Glückseligkeit, während der ich einfach nur ihre Anwesenheit genoss und sonst nichts weiter tat.

Ich habe ihr am nächsten Tag gesagt, dass ich für sie mehr empfinde als nur Freundschaft. Sie meinte, für sie wäre es nie mehr gewesen. Darauf angesprochen, warum sie dann die Umarmung zugelassen hatte, meinte sie, sie habe gedacht das wäre ok unter Freunden – sich im Nachhinein aber doch unwohl gefühlt damit. Auf jeden Fall aber hätte sie absolut nichts dagegen, einfach die Freundschaft weiterzuführen. Ich hatte auch absolut nichts dagegen, denn ich respektiere ihre Meinung, und wenn für sie da nicht mehr als Freundschaft ist, hab ich eben damit zu leben. Seit diesem Tag hat sie sich nicht ein einziges Mal mehr bei mir gemeldet – bis heute nicht.

Noch heute, drei Jahre später, fühle ich mich selbst beim Schreiben noch so, als würde mir das Herz bei lebendigem Leibe herausgerissen. Ich bin nach diesem Ereignis und dem in meinem vorherigen Blogpost beschriebenen dadurch extrem vorsichtig mit Annäherungsversuchen geworden, erst recht mit körperlichen Berührungen – ich zucke mittlerweile schon zurück, wenn ich jemanden nur ausversehen am Arm berühre.


Da frage ich mich natürlich mit der Zeit schon: Warum lasse ich es dann trotzdem immer wieder zu, so intensiv jemandem zu verfallen? Warum passiert mir das, und renne ich damit nicht immer wieder ins offene Messer? Mittlerweile ist meine Antwort darauf aber: Ich bin einfach so gestrickt, es ist Teil meiner essentiellen Persönlichkeit. Ich kann nicht lieben, ohne dabei zu brennen.

Wenn ich eine Frau wirklich so sehr mag, dass ich wirklich mit dieser Schwärmerei anfange, dann ist das mit Abstand das großartigste Gefühl auf der Welt für mich. Jede kleine Aufmerksamkeit einer solchen Frau ist für mich wirklich beinahe wie ein Schuss Heroin. Es erfüllt mich mit so tiefer Wärme, Zufriedenheit, Ausgeglichenheit, einem so großen Gefühl von Macht, Stärke, von präsent-sein im Hier und Jetzt, das es alles andere völlig verdrängt – außer anderen Menschen, für die ich dasselbe empfinde, wie meine Freundin. Es ist für mich wirklich ein Rausch, eine Droge nach der ich süchtig werde und von der ich kaum genug haben kann. Und wenn dieses Gefühl verschwindet, hinterlässt es ebenso einen Crash und einen furchtbaren Entzug.

Um das Gefühl vollständig zu beschreiben, bräuchte ich wohl nochmal fünf Blogposts. Und ich verstehe, wie sehr das jemandem Angst machen kann. Wenn jemand so sehr auf einen steht, dann kann dies natürlich einen immensen Druck ausüben, das ist mir völlig klar. Ich tue auch alles, um das möglichst abzuschwächen, ich richte keinerlei Erwartungshaltung an die betreffende Frau – sie erfährt von mir meistens ohnehin „nur“ (wenn überhaupt), dass ich mehr für sie empfinde als Freundschaft, denn das letzte was ich möchte, ist jemanden unter Druck setzen.

Aber ich bin so. Ich kann dieses immense, alles überwältigende Gefühl nicht abschütteln. Ich weiß nicht mal, ob es gesund oder Funktion einer psychischen Störung ist, und das obwohl ich eigentlich vom Fach bin. Ich weiß nur, dass es da ist. Ich weiß nur, dass ich für solche Menschen die Welt in Brand setzen würde. Gleichwohl bin ich reflektiert und glaube, mich einer gewissen Selbstkontrolle rühmen zu können: Ich werde trotzdem nie völlig abhängig, vergöttere niemanden (jeder hat Fehler), wende mich trotzdem ab, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle und lasse nicht alles mit mir machen.

Und trotzdem fühle ich mich wie der liebestolle Idiot, der alles stehen und liegen lässt und jemandem sabbernd hinterherläuft, der sein Herz wahllos verschenkt und jede Frau, die länger mit ihm redet als zwei Minuten sofort zum unerreichbaren Ideal, zum Liebesgötzen erhebt; auch wenn ich nichts davon für mich wirklich so empfinde. Ist das die gesellschaftliche Erwartung, die mich so negativ fühlen lässt? Der herablassende Blick, der mir oft begegnet, wenn ich jemandem davon erzählen versuche? Die Angst, in Wirklichkeit genauso zu sein wie die ganzen extrem gruseligen, super-anhänglichen stalkermäßigen Typen, die Frauen, die sie seit einem Tag kennen, in wahren Horden hinterherrennen? Wie so oft weiß ich es nicht.


Und die anderen?

Ich habe mir das ganze mittlerweile wirklich gründlich durch den Kopf gehen lassen, und ich denke, dass das was ich beschreibe, zu einem gewissen Teil auch auf andere Männer übertragbar ist, da ja durchaus einige zu diesem verhältnismäßig schnellen „verknallt-sein“ tendieren. Und unseligerweise kriege ich dank meiner Freundin und anderen befreundeten Frauen mit, wie unfassbar gruselig und widerlich viele Männer dadurch werden. Wie belästigend sie werden, weil sie in Wirklichkeit nur ihre eigene Zuneigung zu einer Frau interessiert, aber nicht was die Frau selbst fühlt oder denkt. Wie intensiv Vereinigungsvorstellungen plötzlich werden und dadurch unfassbaren Druck ausüben.

Vor allem die Sache mit der überwichtigen eigenen Zuneigung spielt da sicher eine große Rolle. Ich versuche möglichst, einer Frau nichts aufzuzwingen, ich möchte, dass sie sich immer frei und unabhängig (!) von mir entfalten kann, und ich akzeptiere es absolut unhinterfragt und unwidersprochen, wenn sie sagt sie will nicht. Bei einigen Männern scheint diese Kontrollinstanz aber leider auszusetzen oder zumindest grob fehlerhaft zu sein. Da scheint oft wieder nur der Mann selbst und seine Gefühle zu zählen, die Frau ist wieder bloßes Objekt seiner Begierde anstatt lebendes und unabhängiges Subjekt zu sein. Ich denke übrigens, dass hier ein Teil der psychodynamischen Erklärung von Stalkern liegt.

Wie sehr das abstößt, muss ich hier sicher niemandem erklären. Auch nicht wie absolut menschenverachtend das gegenüber Frauen ist. Wir sind hier wieder bei dieser immensen Distanzlosigkeit, der Missachtung persönlicher Grenzen, über die ich schon geschrieben habe. Bei der männlichen Arroganz, zu meinen, ganz alleine darüber zu bestimmen, wer mit ihnen zusammen ist und wer nicht. Bei der Ansicht, gewisse Personen „verdient“ zu haben als Belohnung für echte oder eingebildete gute Taten oder positive Persönlichkeitseigenschaften.

Und es widert mich so an. Es widert mich an, dass regelmäßig die Grenzen von Frauen dermaßen grob missachtet werden. Es widert mich an, dass eine Frau nicht mehr frei und unbeschwert handeln kann wie sie möchte, weil wir Männer eine allgegenwärtige Gefahr darstellen. Es widert mich an, und es tut mir im Herzen weh, wenn ich das Leid sehe, dass dadurch ausgelöst wird. Ich möchte nicht, dass irgendjemand missachtet wird, misshandelt oder auch nur missrepräsentiert. Ich möchte nicht, dass sich irgendjemand so fühlt, als ob er in einem Käfig leben würde. Und ich verstehe nicht, wie es immer noch Männern gelingen kann, so bösartig und menschenverachtend zu handeln und nicht einmal annähernd davon angewidert zu sein.

Und am Ende frage ich mich jeden Tag dasselbe: Bin ich auch so und merke es nur nicht?

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Ich war nett, darum habe ich mir dich verdient!

Eigentlich wollte ich hier nur darüber schreiben, wie meiner Meinung nach der Glaube, eine Frau „verdient“ zu haben bei Männern entsteht, aber das Ganze hat sich dann ziemlich ausgewachsen zu einem Kommentar über Männlichkeit und Männlichkeitsbilder. Dieser Beitrag entstand ursprünglich aufgrund des folgenden Tweets:

„Was wäre, wenn Helden einfach überhaupt keine Frauen als Belohnung bekommen – weil das ein misogynes, patriarchales Scheiß-Trope ist? Eines, was Männern beibringt, sie hätten fürs nett sein eine Frau regelrecht verdient?“

@MayaMitKind

 

Nun, ich beschäftige mich schon quasi mein ganzes Leben viel mit Introspektion und Selbstreflexion, wohl unter anderem auch deswegen, weil meine Mama immer sehr an Psychologie interessiert war. Diese Diskussion auf Twitter hat also bei mir genau einen Nerv getroffen, weil das etwas ist, über das ich schon lange nachdenke. Nur damit keine Missverständnisse auftreten – ich bin selbst ein Mann, daher halte ich mich auch für einigermaßen qualifiziert, über dieses Thema hier zu sprechen.

 

Ich will auch so offen wie möglich sein. Es ist natürlich ein wenig Selbsttherapie, aber ich möchte auch ganz einfach deswegen brutal ehrlich sein, weil ich es zu mir selbst bin und weil ich auch ein möglichst realistisches Bild zeichnen will. Ich möchte vor allem einfach nur mal meine Gedanken dazu hier niederschreiben, auch um sie zu ordnen. Und vielleicht kann ein Blick in mein Innerstes bei irgendwem eigene Gedanken anstoßen. Das folgende ist mir ungefiltert von der Seele geschrieben – macht daraus, was ihr wollt.

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Diese Einstellung, dieser Gedanke, für seine „Bemühungen“ am Ende die Frau „verdient“ zu haben, ist etwas, bei dem selbst ich große Probleme habe es abzulegen. Ich ertappe mich immer und immer wieder aufs Neue dabei, dass ich mir selbst denke: „komm schon, ich war immer lieb zu dir, ich war immer für dich da, ich bin intelligent und selbstreflektiert und bin dir immer auf Augenhöhe begegnet, warum zum Geier willst du nicht mit mir zusammen sein?“

 

Schrecklich, ich weiß. Auch arrogant. Ich spreche der Frau ein eigenes Agens ab, zweifle an ihren Entscheidungen, glaube, ich weiß selbst am besten, was gut für sie ist. Ich will aber nicht so denken, nicht so sein! Das zerreißt mich manchmal innerlich. Ich sage dann oft zu mir selbst: „Du verdammter, blöder Idiot! Deine wichtigste Überzeugung ist, dass alle Menschen gleich sind und niemand besser oder schlechter ist, dass es keinen fundamentalen Unterschied zwischen Frauen und Männern gibt und jeder Mensch höchste Wertschätzung verdient – und dann stellst du dich hier ernsthaft hin und lamentierst herum, warum deine angeblichen Mühen nicht belohnt werden?“

 

Ich bin mir kognitiv völlig darüber im Klaren, was für eine misogyne Scheiße ich da denke. Und dennoch – ich bekomme es einfach nicht weg! Dieses Gefühl nicht wertgeschätzt zu werden, dieser Glaube, eine bestimmte Frau für irgendetwas verdient zu haben, egal was sie darüber denkt – das muss unfassbar tief in mir eingeschliffen sein. Aber warum werde ich es nicht los? Es muss wohl irgendeinen positiven Effekt für mich haben, denke ich, sonst hätte ich es doch längst ablegen können. Nur welchen?

 

Zugegeben, ich bin jemand, der generell kaum Erfolg bei Frauen hat. Dafür gibt es viele Gründe, meine Art ist sicher für viele gewöhnungsbedürftig, ich bin selbst schüchtern, ich binde mich selbst immer sehr stark und schnell an jemanden. Wo andere wahrscheinlich noch eine normale Freundschaft sehen, bin ich schon definitiv im Bereich des Schwärmens. Meine Art zu denken ist für andere sicher sehr fremdartig. Man mag mir jetzt vielleicht sogar eine unsicher-ambivalente Bindungsstörung attestieren, und eventuell stimmt das sogar. Aber das ist eigentlich nicht der Punkt, auf den ich hinauswill.

 

Aber daran sieht man schon etwas Interessantes: Ich glaube, dem Gefühl jemanden „verdient“ zu haben, liegt eine eigene, tiefe Verletzlichkeit zugrunde und ein erhebliches Selbstwertproblem. Vieles von dem, was ich täglich von Männern höre, weist für mich darauf hin, dass es anderen oft ganz ähnlich gehen dürfte.

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Wenn wir Männer im Leben von der Gesellschaft eines beigebracht bekommen haben, dann die uralte Mär vom Tellerwäscher zum Millionär. Wenn man sich nur genug anstrengt, wenn man mit Zähnen und Klauen kämpft, über alle Schwächeren hinübersteigt, dann winkt am Ende des mühseligen Regenbogens ein Topf voll Gold. Und ich denke, sowohl bei mir als auch bei vielen anderen Männern werden diese Erwartungen beinahe jeden Tag enttäuscht. Man ist selten der beste. Man verliert mindestens so oft, wie man gewinnt. Solange man nicht super-mega-hart ist, ist man immer schwach. Um die Ecke lauert schon der nächste Mann, das nächste Raubtier, der nächste Krieger, der viel stärker ist als du es bist und dir alles nehmen wird.

 

Natürlich fühlt sich jeder mal schwach. Ich denke, bei Männern ist dieses Gefühl von Schwäche aber ein extremer Angriff auf die innersten Überzeugungen, die innerste Basis unseres Selbstwertgefühls und unserer Identität, der uns eingeredet wurde. Sehr viele Männer antworten darauf mit Aggression und verhalten sich oft wie in die Ecke gedrängte Ratten. Und das männliche Aggression zum allergrößten Teil an den meisten Übeln der Welt beteiligt ist, brauche ich hier wohl kaum jemandem zu erklären.

 

Ich weiß schon, wie das hier für die meisten klingen muss: „Jaja, da heult mal wieder der arme, nicht wertgeschätzte weiße Mann rum, wie böse und gemein die Welt nicht zu ihm ist.“ Vielleicht ist das ja so. An der Stelle möchte ich aber jeden Leser bitten, sein Herz nicht vor menschlichem Leid zu verschließen – und Leid kann viele Formen annehmen.

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Aber zurück zum Hauptthema. Ich wollte nie jemanden bedrängen, nie auf jemanden Zwang ausüben. Es liegt mir so fern wie nur irgendwie möglich, jemanden zu verletzen, psychisch wie physisch. Dann ist es mir vor einiger Zeit aber doch passiert, dass ich wider jede Faser meines Ichs eine Freundin von mir bedrängt habe. Wir saßen zusammen auf einem Sofa, und ich bin etwas sehr eng zu ihr gerückt und sogar nachgerückt, wenn sie sich entfernen wollte – mehr ist nicht passiert. Ich habe mich aber noch am selben Abend bei ihr dafür entschuldigt, weil mir Gottseidank aufgefallen ist, dass sie sich unwohl gefühlt hat, und wir haben darüber geredet.

 

Dennoch hat mich im Nachhinein so sehr das Grauen erfasst, dass mir tatsächlich so etwas passieren konnte. Mir, der schon sein ganzes Leben lang Therapeut werden will, der anderen Menschen auf ihrem Weg aus ihrem Leid heraus beistehen will. Ausgerechnet ich, dem nichts über Wissenschaft und Logik geht, der sein ganzes Leben lang sein Denken geschult hat, der ewig viel über Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie gelesen hat. Ich ekle mich immer noch vor mir selbst und hasse mich auch ein Stück weit dafür. Ich versuche deswegen immer noch, mich von Leuten möglichst eher fern zu halten.

 

Ich schreibe das alles, weil ich glaube, dass es mit dem Gefühl, jemanden „verdient“ zu haben, eng zusammenhängt. Ich muss aber auch gestehen, ich weiß selbst immer noch nicht, was „es“ eigentlich ist. Was treibt Männer dazu, die Privatsphäre einer Frau mutwillig zu verletzen, mehr an sich selbst als an das Gegenüber zu denken? Ich habe keine endgültige Antwort. Ich denke aber, dass alle bisherigen Erklärungen von wegen „Ein Mann ist sozialisiert, sich zu nehmen was er will“ und „Männer können ihre Emotionen nicht kontrollieren und sind halt übergriffig, weil sie nur an sich selbst denken“ für viel zu kurzsichtig. Wäre die Wahrheit so einfach, hätten wir die Probleme schon lange hinter uns gelassen.

 

Ein wichtiger Punkt ist aber sicher die extreme Distanziertheit, die Männer eingetrichtert wird. Zuneigung ist Schwäche, wenn sie nicht mit einem männlichen Besitzanspruch und Eroberungsfantasien vergesellschaftet ist. Respekt vor anderen ist optional, denn man ist zum Herrschen geboren. Nur Härte wird belohnt, vor allem auch emotionale Härte, ganz besonders sich selbst gegenüber. Wer gesellschaftlich nicht seinen Mann stehen kann, ist keiner. Schon bei kleinen Fehlern wie einem nicht getroffenen Ball ruft jeder andere Mann „Haha, du spielst wie ein Mädchen!“.

 

So haben wir es gelernt. Und dieses Bild wird nicht von Frauen aufrechterhalten, sondern primär von uns Männern selbst. Niemand ist grausamer zu uns als wir selbst, weil Grausamkeit als Stärke propagiert wird, ja teilweise sogar verlangt wird. Wir verlangen von uns selbst ein Bild von Männlichkeit ab, das wirklich reines Gift ist. Und zu diesem Bild gehört auch die Frau an der Seite des Mannes. Da wir uns alle, wie jeder andere Mensch auch, natürlich auch sehr nach Liebe und Zuneigung sehnen, haben wir diesen Wunsch durch unseren gifttriefenden Männerfilter laufen lassen und reden uns nun ein, dass der erfolgreiche Mann auch eine hübsche Frau an seiner Seite hat. Erich Fromm hätte dazu sicher vieles zu sagen.

 

Wer es nicht schafft, eine Frau für sich zu erobern, kann gar kein Mann sein, denn er hat ja das wichtigste Ziel der Männlichkeit verpasst. Sein Lebenszweck bleibt unerfüllt, und er bleibt in den Augen aller schwach und seiner innersten Identität beraubt. Mag er noch so reich sein, noch so mächtig, noch so klug und gebildet – ich traue mich zu behaupten, dass die meisten Männer alles was sie haben dafür opfern würden, die ihrer Meinung nach richtige Frau an ihrer Seite zu haben.

 

Und hier fängt die Gefahr erst richtig an. Tief in unserem Herzen fühlen wir uns unvollständig, allein, verlassen und quasi in der Wüste ausgesetzt, wenn uns das versagt wird, was uns unserer verqueren Meinung nach erst ausmacht. Wir fühlen uns, als würde man uns die Seele aus dem Leib reißen, die labileren von uns sogar bei jeder einzelnen Zurückweisung. Es macht uns im wahrsten Sinne des Wortes verrückt, und der Gedanke eine Frau „verdient“ zu haben ist nur die Spitze des Eisbergs. Viele wissen sich nicht anders zu helfen als mit mehr Aggression, mehr Gewalt, extremere Darstellungen von Stärke. Manche von uns werden dadurch zu wahrhaft schrecklichen, absolut unentschuldbaren Taten getrieben.

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Das hier soll jetzt kein Mitleid heischen, zumindest ich brauche es nicht. Eigentlich spreche ich zu allen Männern, die das hier hoffentlich auch lesen. Ich möchte eine Lanze für uns brechen. Lasst uns endlich darüber reden, wie es in unseren Herzen aussieht. Lasst uns eine Atmosphäre schaffen, in der wir uns sicher fühlen können und ehrlich miteinander sein. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von gewaltiger Stärke und Größe. Ihr wollt mächtig sein? Dann zeigt mir eure Macht, in dem ihr bei euch selbst anfangt. Hört auf, andere Männer dafür zu bestrafen, dem gesellschaftlichen Bild von Männlichkeit entfliehen zu wollen. Habt verdammt nochmal den Schneid, zuzugeben, was euch bedrückt und bewegt!

 

Sehen wir endlich ein, dass wir es sind, die die Welt zerstören. Und das wir uns selbst aufhalten müssen, weil wir uns im Feuer unserer Ambitionen selbst verheizen.

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Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich will nicht die geringste Art von Übergriffen entschuldigen, nur vielleicht erklären. Ich verurteile jedes ungewollte Eindringen in die Privatsphäre eines anderen Menschen auf das allerschärfste.

 

Mein ganzes Mitleid gilt allen Frauen, die durch unsere Hand Schreckliches erfahren mussten, die wir bedrängt und zurückgesetzt haben. Es gibt kaum etwas Ungerechteres auf der Welt. Wir haben euch ignoriert, haben auf eure Wünsche und Träume geschissen, haben euch in unserem beschissenen, narzisstischen Siegeszug zum Ruhm vollkommen unter die Räder kommen lassen. Ich weiß nicht, ob das wiedergutzumachen ist.